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Rugby statt Raubüberfälle

Neben dem Fortschritt unseres Pojekts werde ich auch immer wieder über aktuelles aus der Welt des Rugbys berichten.

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Venezuela zählt zu den gewalttätigsten Ländern der Welt. Die Polizei ist überfordert und die Justiz versagt. Alberto Vollmer, ein venezolanischer Unternehmer, hat die Arme hochgekrempelt und sich selbst um das Problem gekümmert – mit ziemlich unkonventionellen Mitteln.

Waffen, Drogen und Raubüberfälle standen für José Arrietas, einem venezolanischen Gangmitglied, an der Tagesordnung. Er lief mit einer Pistole rum und raubte Menschen aus, wurde auch immer wieder festgenommen. Für Geld hätte er alles getan. In seiner Gemeinde Ravenga liegt die Mordrate bei 114 auf 100.000 Einwohner, was weit über den nationalen Durchschnitt liegt. Auch viele Freunde von José sind heute nicht mehr am Leben oder werden ihr ganzes Leben in einem der überfüllten Gefängnisse des Landes verbringen.

Vollmer und Arrietas

An einem Samstag im Dezember 2003, raubte José und seine Gang ein Landgut mit 3.000 Hektaren aus – eine bekannte Rum-Destilliere. Die Räuber überwältigten den Sicherheitschef der Farm, welcher beinahe ums Leben kam. Kurze Zeit später informierte dieser den Unternehmer Alberto Vollmer über den Vorfall. Dieser wollte allerdings von einer Anzeige absehen und die Kriminellen nicht der Polizei überlassen. Er bat seinen Sicherheitschef darum, die Verbrecher zu suchen und zu ihm zu bringen. Er hatte bereits einen ausgeklügelten Plan, wie man die sich wiederholenden Überfälle stoppen könnte.

Aus 1 mach 22

Kurze Zeit später war ein Gangmitglied bereits gefasst und Vollmer stellte ihn vor die Wahl: Polizei und somit Gefängnis oder drei Monate Arbeit auf der Farm. Der Delinquent akzeptierte das Angebot. Nachdem auch der zweite gefasst war, erzählten sich die Kriminellen davon und plötzlich waren es nicht nur wenige, sondern 22 Gangmitglieder, welche auf Vollmers Farm arbeiten wollten. Vollmer beschloss, die Männer mit seinem Sicherheitschef in die Berge zu schicken, wo sie hart arbeiteten. Für Unterkunft und Verpflegung wurde gesorgt. Den jungen Männern fehlten jedoch grundlegende Werte.

Rugby statt Raubüberfälle

Vollmer spielte während seiner Studienzeit in Frankreich Rugby. Er erzählt, dass dies sein Leben sehr veränderte. Obwohl die Sportart so gar nicht zu Venezuela passt und man eher Fußball bevorzugt, sollte die Sportart der Katalysator für Transformationsprozesse sein. Vollmer erklärt, dass dies mit den fünf Grundwerten des Rugby zusammenhängt: Respekt, Disziplin, Teamwork, Sportsgeist und Spaß. Mit dem Sport fand Vollmer also nicht nur eine Sprache, welche die Jugendlichen verstanden, sondern vor allem ein Instrument, um ihnen wichtige Werte zu vermitteln, welche auch im täglichen Leben wegweisend sind.

„Viele brauchen nur eine Gelegenheit, um auf den richtigen Weg zu kommen“ – José Arrietas

Das „proyecto alcatraz“ ist inzwischen institutionalisiert worden. Immer mehr Jugendliche finden jährlich ihren Weg auf das Gutsbetreib der Santa Teresa, um der Kriminalität zu entfliehen. Gerónimo Cardozo, der Projektleiter, erklärt, dass den Jugendlichen die Wahl zwischen Gefängnis oder sogar Tod und Arbeit nicht schwer fällt. Mit dem Projekt bietet man den Jugendlichen eine Perspektive und reiche ihnen die Hand, ohne sich für ihre Vergangenheit zu interessieren.

Das Projekt stützt sich natürlich nicht nur auf Rugby. So gehört auch die Arbeit in den Bergen und in anderen Bereichen der Destilliere sowie ein mehrmonatiger Schulungsprozess dazu. Während am Tag hart gearbeitet wird, spielt man am Abend Rugby und geht anschließend todmüde und unempfänglich für krumme Gedanken nach Hause. Als Gegenleistung erhalten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen befristeten Arbeitsvertrag und natürlich einen bescheidenen Lohn.

Ist das Projekt erfolgreich?

Durchaus. Ungefähr siebzig Prozent der ehemaligen Kriminellen durchlaufen die vollen zwei Jahre auf dem Gutsbetrieb. Die meisten von ihnen finden im Anschluss einen Job, heiraten und werden Familienväter. Zwei von ihnen arbeiten auch weiterhin auf der Farm – nämlich als Leibwächter von Alberto Vollmer. Drei der ehemaligen Gangmitglieder spielen heute sogar in der venezolanischen Rugby-Nationalmannschaft.

Das Projekt hat nicht nur die jungen Männer, sondern insbesondere die ganze Region verändert. Die Mitglieder der Banden gehen deutlich zurück und die Mordrate ist inzwischen auf 25 pro 100.000 Einwohner gesunken. Das Projekt hat im Übrigen zahlreiche Preise gewonnen und findet auch in anderen Ländern Südamerikas Anklang.

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